10x deutschsprachige Lyrics

Das hier ist eine Art Bumerangbeitrag. Ich schrieb vor sehr langer Zeit über die Lesung von Max Herre, bei der er seine eigenen Songtexte las. Das nahm Franziska vom Literaturwissenschaftsblog der FU Berlin litaffin.de als Aufhänger für einen Artikel über die zehn besten deutschen Songtexte. Texte, die auch ohne Musik funktionieren. Die Geschichten erzählen, mit Wörtern spielen, poetisch sind. So wie die folgenden zehn Lyrics. Und wenn ihr wollt, macht doch auch eine solche Liste.

Es ist laut und viel zu still. Im Treppenhaus schlagen die Türen. Die Luft ist dünn. Man kann den Schlag der Herzen spüren. Die Innenstadt wird kontrolliert. Ich fühl, wie sich die Spannung staut und das Warten darauf, dass irgendetwas passiert. (Kante – Die Tiere sind unruhig)

Kalle hatte die Drogen dabei und Billy hatte die Brille dabei und ich hatte die Überraschung dabei. Und die Zeit kroch so dahin. “Es ist besser für das, was man ist, gehasst, als für das, was man nicht ist, geliebt zu werden.” Der Satz von Billy etwas überraschend und Kalle schlug einfach zu. Die Nase gebrochen, die Brille zersplittert. Ein Kindergeburtstag, ein Fahrstuhl erzittert. Und ich holte einen kleinen Umschlag hervor und sagte: “Guckt mal hier!” (Kettcar – Stockhausen, Bill Gates und ich)

Und ich warte auf den Abend und seine kühlende Hand unten am Fluss, mit den Füßen im Sand und den Blick auf die gewaltigen Tiere mit metallenen Krallen, mit Neonlicht-Augen. Und die Container, die fallen unter grandiosem Gepolter in den hungrigen Bauch eines uralten Frachters, und mein Herz, es poltert auch. (Gisbert zu Knyphausen – Kräne)

Er tankt für die Fahrt, lässt alles hinter sich. Im Spiegel sieht sein Gesicht sehr zufrieden aus. Er fährt tagelang, bis der Wagen nicht mehr kann. Am Abend hält er an, verbringt die Nacht am weißen Strand. Und er hört wie du sagst: “Wenn du gehst, geht auch ein Teil von mir, das weißt du. Wenn du bleibst, dann bleib für immer und einen Tag.” (Tele – Wenn du gehst)

Nichts ist besser als mit dir loszufahren, an die tristesten Orte und dich bei mir zu haben. Und zu sehen, dass es gut geht. Um zu sehen, dass wir gut sind. Mit Kartoffelschnaps und Bockwurst zwischen Gartenzwergen. (Bosse – Frankfurt/Oder)

Vielleicht Saint Tropez, vielleicht weit hinter den Bergen, vielleicht nur Bielefeld, doch dort, wo noch Grinsen was wert ist. (Casper – Auf und davon)

Rheinland-Pfalz uns da jemand hört. (Die Türen – Indie Stadt)

Das kleine Einmaleins, das große Einmaleins, ich kenne leider keins, das jetzt schon zu mir passt. Ich bin noch nicht bereit für die innere Uhr, ich spüre nur, dass irgendwas mit Zeigern nach mir schmeißt. (Die Sterne – Nur Flug)

Nach dem Goldrausch gehe ich schlafen, in meinem Bett aus Eis, mit dem Wissen, dass ich gar nicht weiß, mit dem Wissen, dass ich nichts kann. Ich bin ein Thomas und kein Thomas Mann. (Fotos – Nach dem Goldrausch)

Walter wurde am Herzen operiert. Walter sagt, was danach passierte, war, dass er Gail sah und dachte: “So schwach, so schwach ich bin, ich werde nicht gehen, denn mit dieser Frau, so wie sie ist, will ich noch Zeit, noch Zeit verbringen. Ihre Katze heißt Links, die andere Rex. Erzähl’ mir etwas, das lustiger wär!” (Tomte – Walter & Gail)

Ach so, ja, mir ist bewusst, dass das Titelbild ein Stilbruch ist. Hatte allerdings gerade kein Booklet mit deutschen Texten zur Hand, daher musste der großartige Frank Turner herhalten, der übrigens im Herbst wieder auf Tour ist.

16 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Oh, das finde ich cool! Ich kenne so einen Englische-Lyrics-Fanatiker, der meint, dass man mit der deutschen Sprache nichts Tolles zustande kriegen kann. Das sehe ich anders! Mit der deutschen Sprache kann man so wunderbar spielen, wenn man nur kreativ ist. Und es gibt einige Lieder, die ich für nur eine Stelle total bewundere. Ich glaube so eine Liste mache ich auch :)

  2. Ach, schöne Liste. Gehe im Kopf gerade durch, welche Lieder ich drauf gepackt hätte: Tomte, Kettcar, Gisbert & Fotos wären auch vertreten.
    Ich glaube, ich sollte auch mal eine derartige Liste machen.

  3. Wie sieht’s aus in Hamburg? Ein neues Viertel an einem Tag. Wer ist pleite, wer ist fertig und wer hat es ans Ufer geschafft? Und alle zwanzig Minuten denkst du an Elliott Smith, einmal in hundert Jahren kommt jemand wie ich und nimmt dich mit. (Tomte, “Wie sieht’s aus in Hamburg”)

    Ich danke der Academy. Vielleicht schaff ich’s irgendwann, kurz bevor ich einschlafe, deinen Namen nicht zu flüstern. Das geht alles irgendwann. (Kettcar, “Ich danke der Academy”)

    + Gisbert, Philipp Poisel, Wir sind Helden, Mikroboy, Fotos, Jupiter Jones …

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  5. Wenn schon kein deutsches Booklet zur Hand war, dann war Frank Turner als englische Alternative definitiv die richtige Wahl und so gesehen gar kein sooo großer Stilbruch. ;)

  6. Eine wunderbare Liste! Ergänzt haargenau und perfekt die meine! Ganz besonders mag ich die kleine Parallele zwischen Freverts “Baukran” und Knyphausens “Kräne”… Überhaupt hat man das Gefühl, einige dieser Texte stehen im Dialog. Städtenamen, Autofahrten, Rückspiegel… Man sollte da mal ein Buch draus machen. Lauter kleine Kostbarkeiten…

  7. Restaurant am Ende des Universums: Das ist schön. Also nicht wirklich schön, aber es gefällt mir.

    teeundschnaps: :)

    Celina: Sehe ich auch so. Natürlich ist das, was man normalerweise an deutschsprachiger Musik im Radio hört, eher semigut, aber wenn man möchte und auch hinter den Tellerrand der Quotensender schaut, entdeckt man richtig gute Texte.

    Julia: Mach das, ich würde mich freuen.

    Dr. Borstel: Den Tomte-Text hatte ich auch in meiner näheren Auswahl. Aber Tomte und Thees sind da eh weit vorne was gute Texte angeht.

    J: Oh ja, eh eine sehr gute und leider viel zu wenig gewürdigte Band.

    Dyskolos: Das stimmt natürlich. :)

    Franziska: Gerade was Autofahrten angeht, ich glaube, da geht einiges. Ich habe in letzter Sekunde noch Bernd Begemann gestrichen, trotz des wunderbarens: Zum Beispiel, wenn wir fahren in die Nacht hinein, deine Hand liegt in meiner Hand, ganz sanft. Und im nächsten Gang liegt sie immer noch da, spätestens dann wird mir klar, wenn du leise die Lieder summst die wir beide lieben: Ich habe nichts erreicht außer dir!

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