
Der erste Satz
“Wichser!”, krächzte der Rabe.
Kichern in der S-Bahn. Prusten in der Bibliothek. Lachtränen im Buchladen. Ich habe oft Menschen Bücher von Christopher Moore lesen sehen und musste später feststellen, dass all diese Symptome auch bei mir auftraten. Inklusive der irritierten, verständnislosen oder auch bösen Blicke meiner Mitmenschen. Über Filme, Serien oder dusselige Miezen bei youtube darf man ohne Probleme lachen, bei Literatur hört bei vielen der Spaß auf. Ha, du doppelzüngige deutsche Sprache. Wie dem auch sei. Ich habe alle Bücher von Moore gelesen und mich fast immer mehr als gut amüsiert. Egal ob über Vampire und Seelenfänger in San Francisco, gefräßige Dämonen und lüsterne Seeungeheuer in Pine Cove oder das in der Bibel zensierte nicht bekannte Jugendleben des Jesus.
Und nun ist der gute Shakespeare dran. Fool erzählt die Geschichte von König Lear aus der Sicht des Narren Pocket. Dazu gesellen sich Figuren aus anderen von Wills Stücken, wie die drei Hexen und Geistererscheinungen aus Macbeth. Und was ist das für ein wildes Treiben am Hofe Lears. Selbst Peter ‘Die Stoßburg’ Steiner wäre bei der Lektüre zart errötet. Vermutlich. Pocket, im Kloster aufgewachsen und von einer eingemauerten Eremitin in weltliche Geschichten und Genüsse eingeweiht, ist erzürnt. König Lear stellte seinen drei Töchtern eine Liebesprobe. Zwei logen ihn an, er fiel dennoch darauf rein und schenkte ihnen große Teile seines Reiches. Des Königs liebste Tochter (und auch Pockets liebste Prinzessin) hingegen sagte die Wahrheit und wurde enterbt, Lears alter Weggefährte Kent protestierte und bekam als Dank die Verbannung vom Hofe in die Hand gedrückt. Und plötzlich umspukt ein Geist den Narren, schickt ihn auf die Suche nach den drei Hexen und ein gerissenes Spiel um Betrug und Krieg beginnt.
“Sieht aus wie ein frisch gebohnertes Schachbrett, oder? Der König schlurft mit kleinen Schritten, ziellos wie ein Trunkenbold, der dem Bolzen einer Armbrust auszuweichen sucht. Die anderen verfolgen ihre Strategien und warten nur darauf, dass der Alte fällt. Er hat keine Macht, und doch alle Macht kreist um ihn, und das nach seiner Lust und Laune. Wusstet Ihr, dass es beim Schach keinen Narren gibt, Kent?”
“Mich dünkt, Narr ist der Spieler selbst, das Köpfchen, das die Züge ersinnt.”
“Also wenn das kein juckender Eimer Katzenwichse ist.” Ich wandte mich dem alten Ritter zu. “Aber durchaus hübsch formuliert.”
(Christopher Moore: Fool. Goldmann 2009, S. 210)
Shakespeare-Freunde müssen nicht wütend mit den Zähnen knirschen, der gute Will wird nicht böse verwurstet. Fool ist vielmehr eine Hommage an die alten britischen Geschichten, nur eben ganz in Moores bester Tradition. Da schmiert sich der Narr schon mal Tierfett an die Schuhglöckchen um sie an die Hexen heranzuschleichen und stolpert über Katzen, die eben jenes Fett wegschlabbern wollen. Da wird Pockets einfältiger Narrenazubi vom sexuell wenig aktiven Geist geritten. Und der König von Frankreich hat nicht nur die Traumprinzessin der Hauptfigur abgegriffen, sondern auch noch den Namen, den der Narr eigentlich seinem Äffchen geben wollte, wenn er denn eines hätte. Schwere Zeiten, in denen Britannien einst steckte, fürwahr. Und wenn am Ende Leben enden und Ehen beginnen, Stammbäume neu gemalt werden müssen, da hätte wohl auch der alte Will anerkennend seinen Hut gezückt. Einen abgewichsten Strippenzieher hätte er Moore genannt. Nun, zumindest mit Moores Worten.